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Kritik von Jutta Hannecker zu 'Willkommen bei den Hartmanns'

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Partner von Entania
Kritik von Jutta Hannecker
veröffentlicht am 05.11.2016
90%
So kann es in der Gesellschaft von heute auch gehen. Man zieht seine Kinder groß. Selbstverständlich ist man währenddessen auch noch berufstätig. Kaum sind die Kinder aus dem Haus, die Pension oder Rente wird bezogen, bettelt man darum, dass sich der Nachwuchs zumindest mal alle paar Wochen zu einem gemeinsamen Familienessen blicken lässt. So geht es Mutter Hartmann (Senta Berger), pensionierte Lehrerin. Ihr Sohn Philip (Florian David Fitz) ist alleinerziehender Vater und mega gestresster "Ganz-wichtig-Consultant-und-noch-ein-paar-englische-Wörter-on-top". Ihre 31-jährige Tochter Sophie (Circus-Halligalli-Liebling Palina Rojinski) studiert und studiert, wird aber nicht fertig, denn eine Selbstfindungsphase hält nun mal auf. In ihrer Langeweile und Trostlosigkeit merkt Mutter Hartmann schon gar nicht mehr, dass sie sich bereits mittags ein Gläschen Wein gönnt und so leicht benebelt den Rest des öden Tages über sich ergehen lässt. Um dieser Einsamkeit zu entfliehen, beschließt sie, einen Flüchtling aufzunehmen. Win-Win sozusagen. Völlig entgeistert darüber: Ihr Ehemann Richard (Heiner Lauterbach). Der hat nämlich ganz andere Sorgen. Das Altern. Eine Midlife-Krise ist gegen seine Ringelpietz mit Anfassen. Besonders konfrontiert wird er mit dem eigenen Verfall an seinem Arbeitsplatz, dem Harlachinger Krankenhaus. Hier ist er Chefarzt. Und ausgerechnet ihm, dem Krisengeschüttelten, wird der junge, angehende Facharzt Dr. Tarek Berger (Deutschlands Lieblingsschnuckel Elyas M'Barek) an die Seite gestellt, der nicht nur gut aussieht, sondern auch noch etwas von seinem Metier versteht. überall wo er auftaucht, tuscheln und kichern die Krankenschwestern. Das treibt Richard eifersüchtig in den Wahnsinn und in die Praxis seines besten Freundes, Schönheits-Guru Dr. Sascha Heinrich (Uwe Ochsenknecht). Und ausgerechnet in die "großen" Sorgen eines Münchner Chefarztes, in denen es sich wunderbar suhlen lässt, platzt nun der junge nigerianische Asylbewerber Diallo, mutig gespielt vom bestens integrierten Belgier Eric Kabongo.

Simon Verhoeven hat schon mit seinen beiden Komödien rund um die "Männerherzen" gezeigt, was er für eine unfassbar gute Beobachtungsgabe hat. Beinahe jeder von uns wird sich in irgendeiner Weise in seinen Geschichten wiederfinden. Mit dieser Gabe könnte er so manche Figur am Nasenring durch die Manege ziehen. Das macht er aber nicht und das ist das Besondere an seinen Drehbüchern und Filmen. Für "Willkommen bei den Hartmanns" hat er noch eine Schippe drauf gelegt. Ihm ist es gelungen, ein Thema, das kaum wie ein anderes die Gemüter erhitzt, zu Streits und Zerklüftung im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in den Familien führt, so aufzubereiten, dass es im höchsten Maße zur Entkrampfung beiträgt. Plötzlich hat ein Mensch, dem man den Stempel "Flüchtling" aufgesetzt hat, - oh Wunder - ein Herz, eine Seele, einen Charakter und eine Vergangenheit, die wohl auch beim empathielosesten Menschen Regungen hervorruft. Herrlich, wie Verhoeven zwei Welten und Kulturen aufeinander prallen lässt. Durch die erstaunten Augen Diallos zeigt er, was heute in den Familien unserer Gesellschaft schief läuft. Aber auch ihm wird beigebracht, dass es in Deutschland nun mal anders läuft als in Nigeria.

Das ganze Ensemble ist eine Schau und kennt sich eine halbe Ewigkeit. Seiner Mutter Senta Berger zum Beispiel hat Verhoeven ihre Rolle quasi auf den Leib geschrieben. Sie brilliert als die Figur Angelika Hartmann. Elyas M'Barek, eh schon ein Adonis, in den "Hartmanns" auch noch zusätzlich ein Halbgott in Weiß, darf in dieser göttlichen Komödie heldenhaft über Mauern und Zäune springen. In der Blue Hour, in der der Himmel auch die fotogener macht, die sowieso schon unverschämt attraktiv sind, flirtet und küsst der Herzensbrecher (hach) auf einer schicken Münchner Dachterrasse. Dass er über das hinaus auch noch viele Klimmzüge kann, werden jetzt auch die Letzten mitbekommen. Auch Lauterbach, Ochsenknecht und Ulrike Kriener (als durchgeknallte, esoterische, "Wir tanzen unsere Namen" Flüchtlingsbetreuerin), die alle drei schon vor 30 Jahren in "Männer" geglänzt haben, hatten sichtbaren Spaß an ihrer erneuten Zusammenarbeit.

Wer jetzt meint, "Willkommen bei den Hartmanns" wäre ein Refugees-Welcome-Märchen oder gar eine zynische "Wir-schaffen-das-Komödie", liegt laut Verhoeven völlig falsch. "Dazu ist die Lage viel zu verwirrend und komplex", so er in einem Interview.

Was man durchaus sagen kann: Verhoeven hat der Flüchlingskrise den Mittelfinger gezeigt. Sein "Willkommen bei den Hartmanns" ist urkomisch, kommt herrlich politisch inkorrekt daher, glänzt durch zum Schreien witzige Dialoge und ist wohl völlig unbeabsichtigt zu einem wichtigen und topaktuellen Film geworden, in dem ganz nebenbei der Landeshauptstadt München eine optische Liebeserklärung gemacht wird. So wird sich neben vielen Zuschauern auch der Touristikverband freuen.

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